“Die Städte werden brennen, wenn Brasilien nicht gewinnt”

INTERVIEW MIT CHRISTOPHER GAFFNEY, EXPERTE FÜR SPORTLICHE GROSSEREIGNISSE UND WEISSE ELEFANTEN

Es ist die edelste Wohnung, die ich bisher in Rio gesehen habe. Zweigeschossig im obersten Stock eines Hochhauses im Strandviertel Botafogo, mit Ausblick ins Grüne. Riesige helle Räume, alles dezent stilvoll eingerichtet. “Schaut unbezahlbar aus”, sage ich. Christopher Gaffney nickt nur. Ich frage gar nicht weiter. Immobilienpreise sind in Rio de Janeiro in den letzten Jahren ins Unermessliche gestiegen. Ich denke an das Motto einer Mikrokreditorganisation, das ich vor Jahren einmal gelesen habe: “You don’t have to be poor in order to assist the poor.” Der gebürtige US-Amerikaner Christopher Gaffney ist Wissenschafter und Aktivist. Der Geograph und Experte für Stadtentwicklung unterrichtet an der öffentlichen Universität UERJ in Rio de Janeiro. Seit Jahren beschäftigt er sich im Rahmen seiner Forschungen mit der Frage, wie sportliche Großereignisse, wie Fußball Weltmeisterschaften und Olympische Spiele, eine Stadt verändern. Gleichzeitig engagiert er sich in den Comités Populares, “Bürgerkomitees, die seit Jahren vor den Nebenwirkungen der WM in Brasilien warnen. Er kennt diverse Aktivisten aus den Favelas, wie auch die High Society der Stadt. Für die FIFA ist er Staatsfeind Nummer Eins ins Rio de Janeiro. “Wenn ihr bei der FIFA einen Interviewtermin wollt, dann erzählt dort bloß nicht, dass ihr mit mir geredet habt”, warnt er mich und die beiden Südwind-Mitarbeiterinnen, Aktivistinnen der Kampagne Nosso Jogo, bei unserem gemeinsamen Besuch.

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WM-Städte verstecken ihre Straßenkinder

Nur noch zwei Monate bis zur Fußball WM in Brasilien. Zu der Vorfreude auf das sportliche Großereignis mischt sich aber immer wieder laute Kritik: von Korruption ist die Rede, von Zwangsumsiedlungen und auch von sozialen Säuberungen. Kinderrechtsorganisationen sind empört über ein Gesetz, dass es der brasilianischen Regierung gestattet, Straßenkinder mehrere Monate – auch gegen den Willen der Kinder –  in Notunterkünften festzuhalten. Brasilien will sich vor den ausländischen Gästen nicht als Land der Armut präsentieren.

(c) Pequeno Nazareno  (c) Pequeno Nazareno

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Besatzung oder Befreiung? Die Militärpolizei in der Favela Maré

Bis vor zwei Wochen hat es hier noch ganz anders ausgesehen: Da liefen in den Straßen des Favela-Komplexes Maré noch junge Burschen herum, die Schusswaffen in ihren Bermudashorts stecken hatten. Da fuhren Teenager mit Motorrädern herum, Gewehre auf den Rücken geschnallt. In der Einkaufsstraße wurde auf großen Holztischen Marihuana, Crack und Kokain feilgeboten – zum Teil feinsäuberlich etikettiert. Von der Polizei damals weit und breit keine Spur.

Inzwischen hat sich das Straßenbild gewandelt. Schwere Waffen sieht man immer noch, doch die werden jetzt von finster dreinschauenden schwarzgekleideten Männern mit kugelsicheren Westen getragen: Polizisten der BOPE, einer Elite-Einheit der Militärpolizei. Am 21. März marschierten 120 von ihnen in der Maré ein, eine Woche später waren es bereits 1.500. Kommendes Wochenende wird hier die brasilianische Armee einrücken: mit 2.700 Soldaten, wie das Verteidigungsministerium heute bekannt gegeben hat. Die Armee soll bis 31. Juli hier bleiben, also bis die Fußball-WM-Touristen wieder abgezogen sind.
Foto: Rosemarie Santos de Souza  Foto: Rosemarie Santos de Souza 

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Armee gegen die Peripherie

Knapp drei Monate vor Beginn der Fußball WM in Brasilien, ist die Regierung von Rio de Janeiro besorgt über die Sicherheitslage in den Favelas. Bereits vor sechs Jahren hat die Militärpolizei begonnen, einige der Favelas in Rio zu “pazifzieren”, das heißt: die bewaffneten Drogengangs wurden gewaltsam vertrieben und danach Polizisten einer Spezialeinheit, der sogenannten “Befriedungspolizei” (UPP) dort stationiert. “Befriedet” wurden in erster Linie Favelas in touristisch interessanten Regionen im Süden der Stadt, sowie rund ums Fußballstadion Maracanã. Doch mittlerweile schlagen die Drogenkartelle zurück. Seit ein paar Monaten kommt es immer wieder zu Attacken auf diese Befriedungspolizei. Vergangene Woche wurden in einer einzigen Nacht 5 Polizeistationen in pazifizierten Favelas angegriffen. Jetzt will die Regierung die Armee in die Armenviertel schicken.

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Mehr als nur Karneval: Sambaschulen in Rio

Beim Karneval in Rio wetteifern jedes Jahr die besten Sambaschulen der Stadt um den Sieg. In aufwendigen Kostümen ziehen tausende Tänzer und Trommler während der Karnevalsfeiertage durch das Sambodrom-Stadion und stellen sich den strengen Blicken der Jury. Angefeuert werden sie dabei von zigtausenden Fans. Die Sambaschulen haben treue Anhänger – vergleichbar mit Fußballfans. Der Sieger wird jeweils am Aschermittwoch bekannt gegeben. Entstanden sind die ersten Sambaschulen in Rio Ende der 1920er Jahren in verschiedenen Favelas der Stadt – so werden traditionell die Armenviertel Brasiliens genannt. Bis heute sind die Sambaschulen tief verwurzelt in diesen Vierteln. Viele der Schulen finanzieren dort heute Sozialprojekte. Wir haben uns in Rio eine solche Sambaschule angeschaut und auch umliegende Favelas besucht, aus denen Musiker und Anhänger stammen. Das Ganze war am 4. März 2014 im Ö1-Journal Panorama zu hören. 

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Rostos: Mestre Marcão

Musikalischer Leiter der Sambabateria von Salgueiro

An den knochigen Fingern trägt er dicke Goldringe. Um den Hals baumelt ein runder goldener Anhänger in der Größe eines Mercedes-Sterns. Dieser zeigt “Malandro” (was übersetzt etwa so viel heißt wie “Schlawiner”), ein Geistwesen, das vor allem in der afrobrasilianischen Religion Umbanda hier in Rio besonders beliebt ist. “An irgendetwas muss man ja glauben. Und dieser hier hat mich noch nie im Stich gelassen”, erklärt Marco Antonio da Silva, besser bekannt als Mestre Marcão.

marcao4 Foto (c) Johannes Schmidt

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Karneval in Rio

In Rio de Janeiro findet wieder die größte Party der Welt statt: der Karneval. Dieser zieht jährlich etwa eine Million Touristen aus dem In- und Ausland an. Gefeiert wird auf den Straßen. An den Stränden von Copacabana und Ipanema, sowie in zahlreichen anderen Orten in Rio ziehen Trommelgruppen, sogenannte “Blocos” durch die Straßen. Den Höhepunkt stellt jedoch der Umzug der großen Sambaschulen im Stadion Sambodrom dar.

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